Walter von Wartburg, kein Franzose, kannte zwar alle Wörter, die der Littré aufführte - und noch ein paar mehr -, aber wenn er sprach, verstanden die Franzosen gar nichts und wir Deutschschweizer kaum etwas. Nicht einmal die, die aus demselben Dorf wie er stammten. Akzentforschung war nicht sein Gebiet; bei ihm galt das geschriebene Wort. Louis Wiesmann war so etwas wie die rechte Hand Walter Muschgs und leitete dessen Proseminare. Auch er war dürr und grau. Ihm verdorrten sogar die Wörter auf der Zunge, die gar nicht von ihm waren. Er zitierte zuweilen Goethe, aber auch dessen Zauberwörtern gelang es nicht, unbeschädigt seinem Mund zu entrinnen. Das lebensvollste Gedicht klirrte zu Boden, wenn Louis Wiesmann es vorlas. 

Reise an den Rand des Universums (Urs Widmer)

 

schirach-02

Der Hof des Gefängnisses war grell beleuchtet, die Scheinwerfer an den Wänden waren eingeschaltet. Die Gesichter der Menschen waren weiß, alles sah aus wie in einem überbelichteten Film. Ein Lastwagen stand in der Mitte, die hintere Plane war zurückgeschlagen. Die Gefangenen kletterten auf die Lade und setzten sich auf die Bänke. Vier Soldaten bewachten sie, sie hatten Maschinenpistolen. [...]. Keiner schrie Befehle, keiner wehrte sich.

Der Fall Collini (Ferdinand von Schirach)