Mein Vater schlief schon, jedenfalls hörte ich keinen Ton, als ich an seiner Tür horchte, weder seinen Atem noch den Husten, der ihn immer wieder weckte, und oft auch uns. Mein Zimmer lag direkt über seinem. [...]. Er war so elend, so wund. Er erinnerte mich an eine Maus, gefangen in einem Käfig aus Büchern, an eine gehäutete Maus. Jede Berührung tat ihm weh, jeder Kuss, jede Umarmung; so bewegte er sich selbst kaum mehr. Ins Bad hinüberzugehen und eine Schmerztablette zu schlucken, auf Toilette, das waren seine weitesten Wege. 

Urs Widmer (Das Buch des Vaters)

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Damit kein Missverständnis aufkommt: ich lehne mich ab. Lange Zeit wusste ich nichts von diesem Uneinssein mit mir selbst. Ich genoss es, die eigene Stimme zu hören, und rechnete noch mit den besten Jahren. In jeder Hinsicht bereitete ich mich darauf vor, um dann, wenn sie kämen, nicht nur das Beste vom Leben entgegenzunehmen, sondern auch mein Bestes zu geben, aber sie kamen nicht, die besten Jahre; und an diesem Oktobertag, als ich Christine, meine Frau, im staubigen Souk der Buchhändler suchte, Julian, unseren Sohn, fest an der Hand, da schien es mir zum ersten Mal wahrscheinlich, dass sie auch nicht mehr kommen würden.

Der Sandmann (Bodo Kirchhoff)