Plötzlich kommen Vincent die Tränen. Er gibt jedoch keinen Laut von sich und starrt weiter auf den Fernseher, als ob er es vor mir verheimlichen will. Ich umarme ihn, und erst da fängt er richtig an zu weinen. Nach einer Weile hat er sich wieder beruhigt und ist eingeschlafen. Ich schaue längst nicht mehr fern, sondern nur auf ihn. Habe wieder die alten Bilder vor mir: Wie ich nach dem Tod meiner Eltern allein in meinem Internatszimmer sitze, noch mit Schnee in den Haaren. Wie ich unsicher auf dem Pausenhof stehe und die anderen Kinder beim Spielen beobachte. Wie es mich davontreibt, fort, fort, fort. Ich sehe mich selbst so sehr in diesem Jungen, dass es mich schmerzt.

Vom Ende der Einsamkeit (Benedict Wells)

bodo-kirchhoff-08

Damit kein Missverständnis aufkommt: ich lehne mich ab. Lange Zeit wusste ich nichts von diesem Uneinssein mit mir selbst. Ich genoss es, die eigene Stimme zu hören, und rechnete noch mit den besten Jahren. In jeder Hinsicht bereitete ich mich darauf vor, um dann, wenn sie kämen, nicht nur das Beste vom Leben entgegenzunehmen, sondern auch mein Bestes zu geben, aber sie kamen nicht, die besten Jahre; und an diesem Oktobertag, als ich Christine, meine Frau, im staubigen Souk der Buchhändler suchte, Julian, unseren Sohn, fest an der Hand, da schien es mir zum ersten Mal wahrscheinlich, dass sie auch nicht mehr kommen würden.

Der Sandmann (Bodo Kirchhoff)