In der Nacht wurde es jetzt, im April, nie mehr ganz dunkel. Kathrine war früh aufgestanden, obwohl es Samstag war. Sie weckte das Kind, machte ihm Frühstück und brachte es zur Großmutter. Sie ging nach Hause, schnallte die Langlaufskier an und fuhr los. Sie folgte den Spuren der Schneemobile bis zur ersten Anhöhe, dann der Stromleitung, die zur Radioantenne führte. Schließlich, nach vielleicht einer Stunde, entfernte sie sich im spitzen Winkel immer weiter von dieser letzten Spur und fuhr hinaus ins grenzenlose Weiß des Fjells.

Ungefähre Landschaften (Peter Stamm)

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Gefunden hatte ihn ein Matrose, der Danny Boodmann hieß. Er fand ihn eines Morgens, als schon alle von Bord gegangen waren, in Boston, er fand ihn in einem Pappkarton. Er wird so an die zehn Tage alt gewesen sein, älter nicht. Er weinte auch gar nicht, er lag still da, mit offenen Augen, in dieser großen Schachtel. Man hatte ihn im Ballsaal der ersten Klasse abgestellt. Auf dem Klavier. Allerdings sah er nicht aus wie ein Säugling erster Klasse. So etwas machten normalerweise die Auswanderer. Heimlich ein Kind zur Welt bringen, irgendwo an Deck, und es dann da aussetzen. Aber bestimmt nicht aus Bosheit. Das war Not, bitterste Not.

Novecento (Alessandro Baricco)