Zum ersten Mal in meinem Leben wähle ich 110, und sofort setzt starke seelische Beruhigung ein durch den streng formalisierten Ablauf des Gesprächs. Kopfschmerzen, Sinusitis, Amitriptylin – ich spüre, dass mein Gegenüber zweifelt. Umfallen, auf den Bauch und nicht wieder aufstehen können – die Zweifel hören auf, die Fragen beginnen. Seitenflügel, vierter Stock? Sind Sie allein zu Haus? Können Sie die Tür öffnen? Ja klar, Mann, so weit kommt das noch, dass ich meine Tür nicht öffnen kann. „In fünf Minuten sind wir da.“ Das gibt mir Zeit, mich halb liegend, halb sitzend anzuziehen, anhaltend froh über das Bewusstsein einer höheren Ordnung, einer im Hintergrund arbeitenden und sinnreich von Menschen für Menschen erdachten Maschine, mit der einer lebensbedrohlichen Situation routiniert und regelkonform begegnet werden kann. Man möchte so etwas nicht in Marokko erleben. Eigentlich nicht mal in Italien.

Wolfgang Herrndorf (Arbeit und Struktur)

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Ein Tag im Spätsommer am größten oberitalienischen See, dort, wo er sich nach Süden weitet, ein Garten mit Olivenbäumen. Endloses Tönen zweier Zikaden in der Stille über einem Ort mit steinernem Uhrturm und blassroten Schindeln, mit Zypressen wie Federkiele vor zittrigem Wasser; ein Haus in bevorzugter Lage. Auf der Terrasse ein Mann in dunkler Hose, barfuß, man sieht ihn kraftvoll einen Korken ziehen, man sieht ihn erst von hinten, dann von der Seite, vermutlich der Hausherr.

Bodo Kirchhoff - Der Prinzipal