Ein böiger Wind  trieb den Regen an die großen Scheiben des Zimmers. Die Lampen an den Oberleitungen schaukelten im Sturm und tauchten die Straße in ein unruhiges Licht. Ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern fuhr langsam vorbei. An den Auslegern der Baukräne leuchteten kleine Punkte.
Die einzige Lichtquelle im Zimmer war Davids Bildschirm. Er saß davor und starrte auf das senkrechte Strichlein. Schreib schon, schreib schon, blinkte es.
David legte die kleine Schatulle mit dem blauen Saphir neben die Tastatur und begann zu schreiben:

Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.

Lila, Lila (Martin Suter)

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Es gibt Menschen, die überwältigt werden von der Gewalt anderer, von ihrer Art zu sprechen, die Beine übereinander zu schlagen, eine Zigarette anzuzünden. Die gebannt sind von ihrer Präsenz. Eines Tages, vielmehr eines Nachts, werden sie mitgerissen vom Begehren und Willen eines anderen, eines Einzigen. Was sie zu sein glauben, schwindet. Sie lösen sich auf und sehen ein Abbild ihrer selbst handeln, gehorchen, erfasst vom unbekannten Lauf der Dinge. Sie können nicht mithalten mit dem Willen des Anderen. Er ist ihnen immer ein Stück voraus. Sie holen ihn nie ein. Keine Unterwerfung, keine Einwilligung, nur die unfassbare Wirklichkeit, die einen denken lässt, "was geschieht mir gerade" oder "das geschieht gerade mir", bloß gibt es da schon kein Ich mehr, jedenfalls nicht mehr das, das es zuvor gab.

Annie Ernaux - Erinnerungen eines Mädchens